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Coaching-Expertin

syl fragt:

„Was brauchst Du, um im Jetzt zu sein?“

Und dann läutet es doch eines Tages wieder. Ist es der „Glöckner“? Weder ein Postbote noch ein Zulieferer, sondern ein Mann mit Nickelbrille steht vor mir. Verlegen lächelt er mich an und verlagert sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Er muss in meinem Alter sein. Seine Schläfen sind ergraut, sein Haar ist so lang, dass er es hinter die Ohren streichen kann und seine Nase markant zum Ausdruck kommt. Die Nickelbrille verstärkt das. Ich muss kurz an John Lennon oder eher an Steven Spielberg denken. Der Fremde hat die Hände tief in die Hosentaschen gegraben, doch als er ausholt und eine große Geste macht, um sich vorzustellen, sind es schöne und gepflegte Hände.

Er sei hier zur Schule gegangen vor vielen Jahren, beginnt er, jeden Tag habe ihn sein Schulweg an diesem Wohnhaus vorbeigeführt. Er sei nur kurz in der Stadt und auf Erinnerungstour seiner Kindheit. Ob ich wisse, dass in meinem Haus früher eine Dame gelebt habe, die über 30 Katzen beherbergt hat. Es hieß „das Katzenhaus“. Ich grinse und bitte ihn herein.

In der Küche mache ich meinem Besucher und mir einen Kaffee, während er sich umblickt. Ja, viel habe sich verändert hier in der Gegend. Damals wären die Straßen nicht so zugeparkt gewesen. Auf seinem Weg zur Schule hätte er sich einmal einen Streich erlaubt und an die Tür geklingelt, bis dann die „Katzendame“ es geschafft hätte, ihn mit Stollwerk bis zur Eingangstür zu locken. Er habe den Gestank von Katzenpisse aus der halb geöffneten Haustür wahrgenommen, aber den kleinen Karamelwürfel gerne eingesteckt. Er erinnere sich noch, wie er am Weg nach Hause das Stollwerk genüsslich am Gaumen zerdrückt, zerkaut und aus den Zähnen gepickt hätte.

Er weiß noch, dass sich seine Mutter jedes Mal wunderte und bemerkte, dass er weniger Appetit hätte. Diese  Besuche an der Haustür der alten Frau währten nicht lange. Es sei eine kurze Phase gewesen, aber sie hätte sich in sein Gedächtnis eingeprägt, sprudelt es nur so aus ihm heraus. 

Ich kann dazu nur nicken und zugeben, dass es auch in meiner Kindheit Stollwerk gab. Wir plaudern noch eine Weile über Schule von gestern und heute, über das Unbeschwertsein und die Kunst als Kind im Hier und Jetzt zu leben, sodass sich das Erlebte und Empfundene ins Archiv der Erinnerung verankert – und sei es noch so kurzlebig.

Ich denke an „meinen“ Glöckner. Ob sich sein kurzes Klingelspiel auch so stark in seine Erinnerung pflanzen wird? Ob er in vielen Jahren zurückkehren wird, um ein letztes Mal zu läuten?

 (Fortsetzung folgt).

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